Die Forschungsarbeiten nach 1970

Die 90er Jahre, in Amerika „Das Jahrzehnt des Gehirns“ genannt, brachten dank moderner Apparate und Methoden aufschlussreiche Ergebnisse hinsichtlich der hirnorganischen Lernfunktionen. Das Gehirn, welches noch lange Gegenstand medizinischer, biologischer und neurologischer Forschungen sein wird und in seiner Komplexität und Kompliziertheit wahrscheinlich nie zur Gänze durchleuchtet werden kann, zeigt doch dank moderner Medizintechnologie folgende Tatsache auf: Die relative Minderentwicklung oder Minderleistung der in der linken Hemisphäre (Hirnhälfte) liegenden Sprachgebiete der Legastheniker kann dank moderner Medizintechnologie definitiv auf Bildschirmen sichtbar gemacht werden.

Je mehr das Gehirn erforscht wird, desto deutlicher wird, dass bis dato nur Teilkenntnisse existieren, und diese erlauben keine vereinfachenden Theorien über die Entstehung der Legasthenie. Auch die Tatsache, dass sehr oft mehrere Generationen einer Familie von diesem Phänomen betroffen sind, rief die Gehirnforscher und Wissenschafter in Amerika auf den Plan. Aufgrund neuester Forschungsmethoden und Erkenntnisse erfolgt die erbliche Weitergabe dieser Anlage über mindestens zwei Chromosomen, nämlich dem 15. und dem 6. (diese Fakten basieren auf Untersuchungsergebnissen über Familien, in denen es je drei Generationen von Legasthenikern gab). Diese Erkenntnis kann als weiteres Indiz dafür gedeutet werden, dass es mehr als eine Ursache der Legasthenie gibt. Als ein nicht zu unterschätzendes Faktum bezüglich des Umgangs mit legasthenen Kindern muss die bewiesene Tatsache, dass circa ein Drittel der von Dyslexie betroffenen Kindern als hyperaktiv bezeichnet werden kann, angesehen werden.

Hyperaktivität, in Nordamerika seit 65 Jahren Gegenstand von umfangreichen Forschungen, bedeutet: Anhaltende Bewegungsunruhe und Aufmerksamkeitsmängel.

In Anbetracht der Tatsache, dass legasthene Kinder durch enorme Leistungsschwankungen aufgrund ihrer differenzierten Teilleistungen auf sich aufmerksam machen, kann dem hyperkinetischen Syndrom nicht genug Beachtung geschenkt werden.

Wohl wissend, dass die Medizin, inklusive ihrer Teilwissenschaften, ebenso wie die Genforschung auch in Zukunft im Rahmen ihrer Forschungsarbeiten noch viele offene Fragen beantworten werden müssen, können zumindest folgende Kriterien, die Legasthenie betreffen, definitiv in den Raum gestellt werden:

  • Zusammenhänge zwischen dem sozialen Milieu und einer speziellen (laut Dipl.-Psych. Klasen) LRS bei einem Kind wurden zwar vermutet und durch unqualifizierte Gruppentests „bestätigt“, dennoch kann definitiv ausgeschlossen werden, dass Unterschichtsniveau als Auslöser für Legasthenie angesehen werden kann (vgl. Sommer-Stumpenhorst, 1999).
  • Legasthenie ist unabhängig von gesellschaftlichen und kulturellen Einflüssen.

Bei der Frage bezüglich der Forschungsarbeiten der letzten zwei Jahrzehnte kommt man nicht umhin den Namen der Grundschullehrerin und Dipl.-Psych. Christine Mann1 zu erwähnen. In einem Forschungsprojekt (vgl. Mann Iris, 1987) untersuchte sie in Zusammenarbeit mit anderen Grundschullehrerinnen die Gefahrenstellen und den Zeitpunkt, an dem Kinder dem Risiko ausgesetzt sind, eine Legasthenie zu entwickeln. Sie setzte ihren Schwerpunkt vor allem auf eine effiziente Arbeit im Unterricht im ersten Schuljahr, da im Anfangsunterricht des Lesens und Schreibens für viele Kinder die Weichen für Erfolg oder Misserfolg gestellt werden. Sie bietet konkrete Hilfen und Anleitungen an, um von Dyslexie betroffenen Kindern die Möglichkeit zu geben, die Gefahrenstellen erfolgreich zu überwinden und weiterhin problemlos am Schriftsprachenerwerb teilnehmen zu können.

Ihre Devise: „Legasthenie verhindern“, indem das Einsetzen von Maßnahmen zu einem möglichst frühen Zeitpunkt erfolgt, muss als ein probates und effizientes Mittel angesehen werden, um dem Leidensweg und vor allem dem gefürchteten Einsetzen der Sekundärproblematik (=psychische Probleme aufgrund permanenter Misserfolge) entgegenzuwirken.

1 Christine Mann: Legasthenie verhindern, Bochum: Kamp, 1989

Das Faktum, dass diverse Formen der Legasthenie existieren, wird von Christine Mann in folgender Weise interpretiert und katalogisiert.:

  1. Die Wortbildlegasthenie
  2. Die phonologische Legasthenie
  3. Die Oberflächenlegasthenie

Auch die Legasthenie-Therapeutin Edith-Maria Soremba1 setzt Schwerpunktakzente in einem „Früherkennen und Frühbehandeln von unzureichenden Leselernvoraussetzungen im Anfangsunterricht“1 (1986/93). Sie fordert eine genaueste Beobachtung sämtlicher Kinder während des gesamten Erstunterrichts, da sich ihrer Meinung nach sehr früh optisch in den entsprechenden Beobachtungsrubriken Häufungen abzeichnen, die auf eine spezielle Lese- Rechtschreibschwäche hinweisen (Edith-Maria Soremba bedient sich bei der Beschreibung der Legasthenie überwiegend der Terminologie: Spezielle Lese-Rechtschreibschwäche).

Dipl.- Psych. Dr. Edith Klasen, eine Autorin, die in späterer Folge noch erwähnt wird, hingegen bedient sich bezüglich der Definition und Terminologie folgendermaßen:

“Weil Legasthenie nicht alle, sondern nur die schriftsprachlichen Lernfunktionen beeinträchtigt, spricht man auch von isolierter, spezifischer oder umschriebener Lese- Rechtschreib-Störung“.2

Edith- Maria Soremba erwähnt im Laufe ihrer Erörterungen auch eine nicht zu unterschätzende Tatsache, dass sich manche Kinder bei Schuleintritt in einem Entwicklungsstadium befinden, in dem die Voraussetzungen für das Erlernen des Lesens und Schreibens noch nicht vollends gegeben sind. Diese Entwicklungsverzögerungen manifestieren sich zum Beispiel in der Problematik unterscheiden zu können, ob der „Henkel“ einer Tasse nach links oder rechts zeigt. Diese Unterscheidungsschwierigkeiten zeigen die Kinder zum Beispiel auch bei den Buchstaben

„b-d“, „p-q“, „ei-ie“ usw.

Unabdingbare Voraussetzungen für Buchstabenerkennungen sind:

  • Rechts-Linksunterscheidungen
  • Oben-Unten-Beziehungen
  • Symbolverständnis (Kreis, Dreieck, Rechteck)
  • Längen und Mengen richtig abschätzen können
  • Detailbetrachtungen genau vornehmen können (was ist an dem Bild/ Buchstaben zu wenig/ zu viel)

1 Edith-Maria Soremba: Legasthenie muss kein Schicksal sein: Verlag Herde, Freiburg im Breisgau 1995, S.36

2 Dipl.-Psych.Dr. Edith Klasen: ”Legasthenie- umschriebene Lese-Rechtschreib-Störung, 1995

Einige SchülerInnen sind bei Schuleintritt noch sprachverzögert, andere zeigen sich schwerfällig in ihren Bewegungen und Handlungen: Das können Hinweise für eine leichte Hirnfunktionsstörung sein, die sich fast in allen Fällen auswächst.

Diese spätentwickelten Kinder benötigen einfach mehr Zeit zum Lernen. Entscheidend für einen erfolgreichen und von unnötigen Frustrationserlebnissen freien Erstunterricht ist die Berücksichtigung der Entwicklungsverzögerung dieser Kinder und ein Anbieten von speziellen und individuellen Hilfen.

Während die beiden vorher erwähnten Autoren Hauptmerkmal auf eine Früherkennung bzw. ein möglichst schnelles Einsetzen von Lernhilfen und Förderung legen, gewährt Dipl.-Psych. Dr. Edith Klasen in ihrem Buch „Legasthenie-umschriebene Lese-Rechtschreibstörung“ einen vielschichtigen Einblick in die Komplexität des Phänomens der Legasthenie. Die Palette, angefangen von der Definition der Legasthenie, der biologischen und auch genetischen Forschungen bezüglich dieser Phänomenologie, über diagnostische Verfahren, erstreckt sich hin bis zu praxisorientierten Ausführungen, die betroffenen Eltern Orientierungshilfen bei der Bewältigung des Problems Dyslexie anbieten bzw. auf eine spezielle Lese- und Rechtschreibschwäche hinweisen können.

Entscheidend über Verlauf einer Legasthenie ist die Einstellung des Umfelds gegenüber dem von Dyslexie betroffenen Kindes und wie schon oft erwähnt, ein rechtzeitiges und effizientes Einsetzen von professioneller Hilfe.

Bei der Diagnose Legasthenie muss jedoch eine klare Abgrenzung gegenüber folgenden Störungen vorgenommen werden:

  • Vorwiegend emotional bzw. motivational bedingte Störungen
  • Intellektuelle Minderbegabungen (Kognitive LRS)
  • Störungen, die durch ein nicht adäquates Lernangebot bedingt sind

Nach jahrzehntelangen Forschungsarbeiten, die sich im Grunde genommen über mehr als ein Jahrhundert mit einem stetigen Wechsel punkto Terminologie und Interpretation dieses Phänomens hinzogen, kann Legasthenie definitiv als eine anlage- oder entwicklungsbedingte Teilleistungsstörung des Gehirns angesehen werden. Diese Teilleistungsstörungen („learning disabilities“) können in folgende Schwierigkeiten kategorisiert werden.

Probleme im Erwerb und im Gebrauch:

  1. der Sprache
  2. des Lesens
  3. des Schreibens
  4. des Denkens bzw.
  5. der mathematischen Fähigkeiten und Fertigkeiten (=Dyskalkulie)

Das Hauptproblem, bei den von Dyslexie betroffenen Kindern ist die Identifizierung, Zuteilung und Umsetzung von Symbolen, daraus resultieren größte Schwierigkeiten beim Erlernen der für unsere Kultur so wichtigen Fähigkeiten, wie die Beherrschung des Lesens, Schreibens und Rechnens.

Es bedarf noch intensiver Aufklärungsarbeit, um eine Akzeptanz in Gesellschaft, Kultur und ein nicht zu unterschätzender Faktor in der Politik zu erreichen. Vor allem die Politik wird in Zukunft die Augen vor der Tatsache, dass circa 15% der Weltbevölkerung bereits unter Legasthenie leidet (in den meisten Fällen ist die verbale Legasthenie betroffen), nicht verschließen können.

Ein an dieser Stelle bemerkenswerter Aspekt sei noch zu erwähnen. Die Weltgesundheitsorganisation hat die Legasthenie als Entwicklungsstörung im Sinne des zehnten Internationalen Klassifikationsschemas (ICD- 10) für psychische Störungen anerkannt.

Die Langzeitfolgen einer nicht qualifiziert behandelten Legasthenie sind statistisch bewiesen. Eine „Schulkarriere“ in Sonderschulen, somit eine minderwertige Ausbildung bei durchschnittlicher und oft sogar überdurchschnittlicher Intelligenz; bei späterer Jobsuche geringe Chancen für eine adäquate Arbeit; das Abrutschen in ein soziales Desaster, bedingt durch Arbeitslosigkeit, ist bereits vorgegeben; ganz abgesehen von der Tatsache, dass Legastheniker im schlimmsten Falle, aufgrund stetiger Misserfolge in Drogen- und Alkoholabhängigkeit und in kriminelle Kreise geraten können.

Ein Umdenken in Gesellschaft und Politik erscheint unumgänglich, eine Neuorientierung bezüglich der Positionierung des Stellenwertes des Phänomens Dyslexie wird „a la longue“ nur durch permanente und konsequente Arbeit von qualifizierten Kräften zu erreichen sein.

Der sichtbare Erfolg bei der Betreuung von Legasthenie betroffener Kinder wird die einzige Waffe sein, mit der die Vorurteile in der Gesellschaft bekämpft und ausgeräumt werden können und was noch wichtiger ist, den von Legasthenie betroffenen Familien die finanzielle Unterstützung und den Beistand zu gewährleisten, der ihnen gerechterweise zusteht.

Denn wie es Ronald D. Davis bereits formulierte, Legasthenie muss aufgrund der kreativen und technischen Fähigkeiten, die sich bei legasthenen Kindern offenbaren, als ein Talentsignal angesehen werden. “The Gift of Dyslexia“, die Andersartigkeit und Verschiebung in der Begabtenskala der von Dyslexie betroffenen Kinder muss in das Bewusstsein aller Gesellschaftsschichten dringen, denn nur so wird es möglich sein, den von Legasthenie betroffenen Kindern die verdiente gesellschaftliche Akzeptanz zu gewährleisten.

Einen wesentlichen Beitrag zur Verwirklichung dieser Vision kann Frau Dr. Astrid Kopp-Duller, Gründerin des Kärntner Landesverbandes Legasthenie, angerechnet werden. Ihre erfolgreichen Forschungsarbeiten in Amerika, Pionierland in Sachen Erforschung des Phänomens Dyslexie ermöglichen es legasthenen Menschen, besonders Kindern die Hürden des Lesens, Schreibens oder Rechnens leichter zu überwinden. Sie hat mit ihren Mitarbeitern sehr erfolgreiche Arbeitsprogramme für legasthene Menschen entwickelt, die in ihrem Buch „Der legasthene Mensch“ und „Legasthenie- nach der AFS- Methode“ ausführlich erläutert werden.

Die von Dr. Astrid Kopp-Duller im Jahre 1995 geprägte Definition:

„Ein legasthener Mensch, bei guter oder durchschnittlicher Intelligenz, nimmt seine Umwelt differenziert anders wahr, seine Aufmerksamkeit lässt, wenn er auf Symbole, wie Buchstaben oder Zahlen trifft, nach, da er sie durch seine differenzierten Teilleistungen anders empfindet als nicht legasthene Menschen, dadurch ergeben sich Schwierigkeiten beim Erlernen des Lesens, Schreibens oder Rechnens“

möge dazu beitragen, dass die noch immer vorherrschenden Vorurteile bezüglich Dyslexie „peu a peu“ aus unserer Gesellschaft verdrängt werden.

 

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