Wie lange wird die Legasthenie schon erforscht?

„Typische Lese- und Schreibfehler sind z.B. wortentstellende Buchstaben- und Silbenvertauschungen, Hinzufügungen, und Weglassungen. Bezüglich der Ursachen der Legasthenie liegen bis heute noch keine endgültig gesicherten Aussagen vor. Herkömmlich, aber nicht bewiesen ist die Annahme, dass sie durch Hirnschädigungen bzw. hirnorganische Reifeverzögerungen verursacht seien“. 1

Im Zuge der Recherchen bezüglich der historischen Entwicklung sah ich mich mit folgender Interpretation bezüglich Legasthenie konfrontiert. Tief betroffen und entsetzt vernahm ich diese beschreibenden Worte bezüglich Dyslexie.

Diese fatale und für viele Betroffenen schicksalsbedeutende Interpretation dieses Begriffes, beherrscht noch heute das Denken Menschen aller Gesellschaftsschichten. Daraus resultiert, dass unsere leistungsorientierte Gesellschaft aufgrund mangelnder Informationen und inexakten Wissens, legasthene Kinder ungerechterweise ins Abseits stellt, sie ausgrenzt und ihnen einen steinigen, von vielen Misserfolgen geprägten Lebensweg vorgibt.

Eine Frage stellt sich zwingend:

Zu welchem Zeitpunkt wurden die ersten Notizen bzw. Forschungen über Legasthenie registriert und wie wurde dieses Phänomen im Laufe der historischen Entwicklung von Medizinern, Pädagogen und Psychologen interpretiert und dargestellt?

Vorausschickend muss erwähnt werden, dass die Definition dieses Phänomens von Anfang an uneinheitlich gewesen ist und die Terminologie der Legasthenie einem permanenten Wechsel unterworfen gewesen ist.

1 Wörterbuch für Erziehung und Unterricht, Peter Köck, Hanns Ott, Auer Verlag 1976, Seite 232

[Diese Definition von „angeborener Wortblindheit“ (=Defizite im Lernzentrum) wurde wie bereits erwähnt von Kerr und Morgan im Jahre 1886 geprägt].

Noch heute findet man den Begriff der kongenitalen Wortblindheit in der Medizin vor.

(In Dänemark findet der Begriff “Wortblindheit“ noch bis heute Anwendung).

Der Psychiater Ranschburg prägte den Begriff „Leseschwäche“ [gelegentlich von ihm Legasthenie genannt, somit leitete Ranschburg diesen Terminus vom Lateinischen (legere- lesen) ab. Laut Dipl.- Psych. Dr. Edith Klasen1 setzt sich der Begriff Legasthenie allerdings aus je zwei griechischen Wörtern zusammen (legein- sprechen und aus astheneia- Schwäche].

Er bemühte sich 1928 als einer der ersten, dem Phänomen der „Lese- und Schreibstörungen des Kindesalters“ eine umfassende Arbeit zu widmen. Im Zuge seiner Forschungen kam Ranschburg allerdings zur Erkenntnis, dass diese „Störung“ auf einen Mangel an Intelligenz für höhere geistige Leistungen, wie Lesen und Schreiben seiner Meinung nach darstellen, zurückzuführen sei.

Man sprach von partieller Idiotie oder partiellem Intelligenzdefekt. Eine falsche Diagnose, die jahrzehntelang bis zum heutigen Zeitpunkt, nachhaltige Auswirkungen für betroffene Schüler zur Folge hatte und noch haben kann. Ein Schicksal in Sonderschulen war besiegelt, obwohl diese Schüler aufgrund ihrer Fähigkeiten und ihrer durchschnittlichen, sehr oft auch überdurchschnittlichen Intelligenz in einem anderen Schultyp besser aufgehoben gewesen wären.

In den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts einigte man sich bezüglich der Terminologie auf die Bezeichnung Dyslexie (Störung des Lesens und Schreibens), Dyskalkulie (Störung des Rechnens) und Dysphasie (Störung der Sprachfähigkeit).

(Im Jahre 1962 wählte Kirk den Oberbegriff „Learning Disabilities“).

Bedingt durch die Isolation und die historischen Gegebenheiten zwischen 1930 und 1945 wurden andere Forschungsergebnisse in Deutschland bzw. Österreich nicht bekannt.

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