Die Anfänge der Legasthenieforschung

Die ersten Publikationen über Legasthenie wurden im vorigen Jahrhundert registriert. Immer wieder wurde es deutlich, dass es zuerst Ärzte waren, die sich um 1900 mit der merkwürdigen Erscheinung beschäftigten, dass im sonstigen geistigen Leistungsbereich unauffällige Kinder nicht im Stande sind, mehrsilbige Wörter zu lesen und nach Diktat richtig zu schreiben.

Der Neurologe Kussmaul, ein von der Problematik der Legasthenie betroffener Vater bezeichnete 1877 dieses Phänomen als „Wortblindheit“.

(Dieser Definition schlossen sich Morgan und Hinshelwood 1896 an).

Die Erkenntnis, dass wenn man erwachsenen „Alektikern“2 Bilder vorlegte, die sie eindeutig bezeichnen konnten, bei besagten Erwachsenen die Benennung von Buchstaben und einfachen Wörtern große Schwierigkeiten bereitete, versetzte viele Ärzte in Erstaunen.

Die Schwierigkeit des Lesens konnte im allgemeinen nicht als „Schwachsinn“ erklärt werden, wobei allerdings die Abgrenzung zwischen „normaler“ Intelligenz und Schwachsinn subjektiv beurteilt wurde.

So bürgerte es sich ein, der durch Hirnverletzungen erworbenen, die „angeborene Wortblindheit“ gegenüberzustellen.

2 Ranschburg P. unterscheidet zwischen „Legasthenie“ und „infantiler, optischer Leseunfähigkeit oder Alexie“.

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Das Einsetzen der pädagogisch- psychologischen Forschungen

Die Psychologin Lotte Mach2 verglich im Jahre 1937 in einer Arbeit die Fehler der Leseschwachen mit denen „Normaler“ und bringt sowohl eine Aufzählung der Fehlermöglichkeiten als auch einen Erklärungsversuch in ihren Forschungen ein.

Die Schwierigkeiten beim Lesevorgang führte sie auf ein geringes, optisches Unterscheidungsvermögen für bestimmte Materialien und ein geringes Gedächtnis für optische Gebilde zurück. Mach sprach sich gegen eine Sonderschuleinweisung, aber für gesonderten Unterricht aus.

Zu einem Zeitpunkt, als man sich im deutschsprachigen Raum mit der allgemeinen Erforschung des Lesens beschäftigte, stand die Legasthenie in Amerika bereits stärker im Blickpunkt der psychologischen und pädagogischen Forschungen. Die Wurzeln hiefür lagen allerdings zu einem Teil auf dem Gebiete der Medizin, zum anderen Teil kamen Anstöße aus dem Gebiet der Testpsychologie. Während sich in Amerika vorwiegend Pädagogen und Psychologen mit „reading disability“ beschäftigten, setzte gleichzeitig eine intensive Arbeit in empirischen Forschungen ein, die auf Untersuchungen von etwaigen Zusammenhängen der legasthenischen Störung mit anderen psychischen Besonderheiten erweitert wurde.

Die Amerikanerin Marion Monroe3 lässt in einem Standardwerk (1932) ein Motiv für den Einsatz der Psychologen und Pädagogen in der Legasthenieforschung anklingen.

1 Dr. Edtih Klasen: Legasthenie: umschriebene Lese-Rechtschreibstörung, München 1995

2 Aus Mach L.: Lese- und Schreibschwäche bei normalbegabten Kindern. In: Zeitschrift für Kinderforschung. Jhg. 1937. Bd.46, S 113-197.

3 Monroe M.: Children who cannot read, University of Chicago, 1932

Der Leitsatz “ Children with reading difficulties are under a severe handicap in modern society“ unterstreicht die soziologische Bedeutung des Lesens. Dieser Leitsatz wurde nach dem Zweiten Weltkrieg auch im deutschsprachigen Raum sehr wirksam.

In einem zweiten englischen Standardwerk hingegen weist Schonell1 auf die Problematik hin, dass viele Lehrer und nicht wenige Eltern die Beherrschung des Lesens als Gradmesser der intellektuellen Fähigkeiten ansehen. Eine Meinung, die inklusive Beherrschung des Rechtschreibens, noch heute Gültigkeit hat.

Monroe kam das Verdienst zu, unter Verwendung anderer Arbeiten eine exakte Diagnostikserie für Legastheniker mit genauen Bewertungsnormen, die sie mit Hilfe von Kontrollgruppen gewonnen hatte, erstellt zu haben.

Sie führte Tabellen über die Häufigkeit bestimmter Fehler, Diskrepanzen zwischen der Lesefertigkeit und dem Lebensalter, dem Intelligenzalter und dem Rechnen an.

Aufgrund der Tatsache, dass Monroe Methoden und Ergebnisse bezüglich der Behandlung leseschwacher Kinder erstellte, die durchwegs von Erfolg gekrönt waren, wie auch aufgrund der umfassenden und gründlichen Forschungen von Schonell bezüglich der Symptomatologie und Diagnose, als auch der Ätiologie und Therapie, wurde ein Umdenken von einer einseitig theoretischen Zielsetzung zu einer optimistisch-pädagogischen Haltung eingeleitet.

Eine besonders wünschenswerte Wendung bezüglich Legasthenie, die in den 40er Jahren von der unglücklich gewählten Bezeichnung „Minimal Brain Damage“ geprägt wurde, bahnte sich an.

Forschungsarbeiten von 1945-70

Nach 1945 wurden die schulpsychologischen Beratungsstellen erstmals auf die Phänomenologie der Legasthenie aufmerksam.

In zahlreichen Publikationen kam es zu einer übereinstimmenden Symptombeschreibung der Dyslexie. (Dyslexie: griechisch, ”dys” und ”lexis” bedeutet: fehlerhafte Sprache, wobei Sprache im weitesten Sinne gemeint ist, geschriebene und gesprochene Sprache. Statt Legasthenie wird in allen anderen Ländern der Begriff Dyslexie verwendet) (Englisch: Dyslexia).

  • Verzögerung im Erlernen des Lesens und Schreibens
  • Kippen und Umstellen von Buchstaben
  • Buchstabenauslassungen und Buchstabenverwechslungen
  • Sprachliche Speicherschwäche
  • Abweichungen von der Rechtsdominanz
  • Sprachentwicklungsverzögerungen und Probleme bei der Lautdifferenzierung
  • allgemeine Risikofaktoren
  • familiäre Häufung der Probleme

Bezüglich der Leseschwierigkeiten mit denen sich betroffene Schüler konfrontiert sahen, wird es immer offensichtlicher, dass es sich hiebei um eine ersichtliche Verschiedenheit von Typen und Formen handelt.

Die ersten bahnbrechenden Forschungsarbeiten im deutschsprachigen Raum sind den Psychologinnen Linder, Schenk- Danzinger und Kirchhoff zuzuschreiben.

1 Schonell, F. J. Backwardness in the Basic Subjects, Edinburgh and London, 1942

Linders Definition, die sie aufgrund von Untersuchungen bezüglich der Intelligenz von Schülern mit Leseschwäche formulierte, befreite endlich Legastheniker vom Stigma des Sonderschülers: “Unter Legasthenie verstehen wir eine spezielle, aus dem Rahmen der übrigen Leistungen fallende Schwäche im Erlernen des Lesens ( und indirekt auch des selbstständigen, orthografischen Schreibens) bei sonst intakter oder- im Verhältnis zur Lesefähigkeit- relativ guter Intelligenz“ (1951).

Die Legasthenie wird von der Psychologin eindeutig als Teilleistungsschwäche identifiziert und somit wird mit einem gängigen Vorurteil aufgeräumt, dass Schüler mit Leseschwierigkeiten an einem Intelligenzdefizit leiden.

In den 70er Jahren wurde die Phänomenologie der Legasthenie um den Terminus Lernstörung, zusätzlich zum Terminus Teilleistungsschwäche erweitert.

Lotte Schenk-Danzinger, die dieser Problematik ein umfassendes „Handbuch der Legasthenie im Kindesalter“ widmete, prägte den Begriff Legasthenie im deutschen Sprachraum. Schenk-Danzinger differenziert zwischen 2 Arten der Legasthenie:

  1. Die literale Legasthenie (eine sehr seltene Schwerstform der Legasthenie)
  2. Die verbale Legasthenie, von der gemäß neuesten Studien zwischen 10-15% der Gesamtbevölkerung betroffen ist.

Ein wichtiges Anliegen war ihr eine Einbindung der Ergebnisse von Dipl.-Psych. Dr. Edith Klasen, die gemeinsam mit anderen Autoren Therapiefälle näher untersuchte. Der Hauptschwerpunkt ihrer Forschungsarbeiten kann als vorwiegend symptomorientiert angesehen werden. Ferner setzte sie sich mit der von Valtin1 aufgeworfenen Frage der Milieuabhängigkeit bezüglich Legasthenie auseinander. Ein wesentlicher zu beachtender Aspekt, denn durch die Reihenuntersuchungen von unqualifizierten Personen wurde um 1970 folgender Trugschluss gezogen:

Probleme im Erlernen der Rechtschreibung seien milieuabhängig und Legasthenie sei ein Problem der Unterschicht (Man hatte es jedoch verabsäumt auch Lesetests durchzuführen).

Daraus resultierte in den 70-er Jahren eine Antilegastheniebewegung in den USA und auch teilweise in den Niederlanden, die glücklicherweise im deutschen Sprachraum keine Beachtung fand.

Die Forschungsarbeiten nach 1970

Die 90er Jahre, in Amerika „Das Jahrzehnt des Gehirns“ genannt, brachten dank moderner Apparate und Methoden aufschlussreiche Ergebnisse hinsichtlich der hirnorganischen Lernfunktionen. Das Gehirn, welches noch lange Gegenstand medizinischer, biologischer und neurologischer Forschungen sein wird und in seiner Komplexität und Kompliziertheit wahrscheinlich nie zur Gänze durchleuchtet werden kann, zeigt doch dank moderner Medizintechnologie folgende Tatsache auf: Die relative Minderentwicklung oder Minderleistung der in der linken Hemisphäre (Hirnhälfte) liegenden Sprachgebiete der Legastheniker kann dank moderner Medizintechnologie definitiv auf Bildschirmen sichtbar gemacht werden.

Je mehr das Gehirn erforscht wird, desto deutlicher wird, dass bis dato nur Teilkenntnisse existieren, und diese erlauben keine vereinfachenden Theorien über die Entstehung der Legasthenie. Auch die Tatsache, dass sehr oft mehrere Generationen einer Familie von diesem Phänomen betroffen sind, rief die Gehirnforscher und Wissenschafter in Amerika auf den Plan. Aufgrund neuester Forschungsmethoden und Erkenntnisse erfolgt die erbliche Weitergabe dieser Anlage über mindestens zwei Chromosomen, nämlich dem 15. und dem 6. (diese Fakten basieren auf Untersuchungsergebnissen über Familien, in denen es je drei Generationen von Legasthenikern gab). Diese Erkenntnis kann als weiteres Indiz dafür gedeutet werden, dass es mehr als eine Ursache der Legasthenie gibt. Als ein nicht zu unterschätzendes Faktum bezüglich des Umgangs mit legasthenen Kindern muss die bewiesene Tatsache, dass circa ein Drittel der von Dyslexie betroffenen Kindern als hyperaktiv bezeichnet werden kann, angesehen werden.

Hyperaktivität, in Nordamerika seit 65 Jahren Gegenstand von umfangreichen Forschungen, bedeutet: Anhaltende Bewegungsunruhe und Aufmerksamkeitsmängel.

In Anbetracht der Tatsache, dass legasthene Kinder durch enorme Leistungsschwankungen aufgrund ihrer differenzierten Teilleistungen auf sich aufmerksam machen, kann dem hyperkinetischen Syndrom nicht genug Beachtung geschenkt werden.

Wohl wissend, dass die Medizin, inklusive ihrer Teilwissenschaften, ebenso wie die Genforschung auch in Zukunft im Rahmen ihrer Forschungsarbeiten noch viele offene Fragen beantworten werden müssen, können zumindest folgende Kriterien, die Legasthenie betreffen, definitiv in den Raum gestellt werden:

  • Zusammenhänge zwischen dem sozialen Milieu und einer speziellen (laut Dipl.-Psych. Klasen) LRS bei einem Kind wurden zwar vermutet und durch unqualifizierte Gruppentests „bestätigt“, dennoch kann definitiv ausgeschlossen werden, dass Unterschichtsniveau als Auslöser für Legasthenie angesehen werden kann (vgl. Sommer-Stumpenhorst, 1999).
  • Legasthenie ist unabhängig von gesellschaftlichen und kulturellen Einflüssen.

Bei der Frage bezüglich der Forschungsarbeiten der letzten zwei Jahrzehnte kommt man nicht umhin den Namen der Grundschullehrerin und Dipl.-Psych. Christine Mann1 zu erwähnen. In einem Forschungsprojekt (vgl. Mann Iris, 1987) untersuchte sie in Zusammenarbeit mit anderen Grundschullehrerinnen die Gefahrenstellen und den Zeitpunkt, an dem Kinder dem Risiko ausgesetzt sind, eine Legasthenie zu entwickeln. Sie setzte ihren Schwerpunkt vor allem auf eine effiziente Arbeit im Unterricht im ersten Schuljahr, da im Anfangsunterricht des Lesens und Schreibens für viele Kinder die Weichen für Erfolg oder Misserfolg gestellt werden. Sie bietet konkrete Hilfen und Anleitungen an, um von Dyslexie betroffenen Kindern die Möglichkeit zu geben, die Gefahrenstellen erfolgreich zu überwinden und weiterhin problemlos am Schriftsprachenerwerb teilnehmen zu können.

Ihre Devise: „Legasthenie verhindern“, indem das Einsetzen von Maßnahmen zu einem möglichst frühen Zeitpunkt erfolgt, muss als ein probates und effizientes Mittel angesehen werden, um dem Leidensweg und vor allem dem gefürchteten Einsetzen der Sekundärproblematik (=psychische Probleme aufgrund permanenter Misserfolge) entgegenzuwirken.

1 Christine Mann: Legasthenie verhindern, Bochum: Kamp, 1989

Das Faktum, dass diverse Formen der Legasthenie existieren, wird von Christine Mann in folgender Weise interpretiert und katalogisiert.:

  1. Die Wortbildlegasthenie
  2. Die phonologische Legasthenie
  3. Die Oberflächenlegasthenie

Auch die Legasthenie-Therapeutin Edith-Maria Soremba1 setzt Schwerpunktakzente in einem „Früherkennen und Frühbehandeln von unzureichenden Leselernvoraussetzungen im Anfangsunterricht“1 (1986/93). Sie fordert eine genaueste Beobachtung sämtlicher Kinder während des gesamten Erstunterrichts, da sich ihrer Meinung nach sehr früh optisch in den entsprechenden Beobachtungsrubriken Häufungen abzeichnen, die auf eine spezielle Lese- Rechtschreibschwäche hinweisen (Edith-Maria Soremba bedient sich bei der Beschreibung der Legasthenie überwiegend der Terminologie: Spezielle Lese-Rechtschreibschwäche).

Dipl.- Psych. Dr. Edith Klasen, eine Autorin, die in späterer Folge noch erwähnt wird, hingegen bedient sich bezüglich der Definition und Terminologie folgendermaßen:

“Weil Legasthenie nicht alle, sondern nur die schriftsprachlichen Lernfunktionen beeinträchtigt, spricht man auch von isolierter, spezifischer oder umschriebener Lese- Rechtschreib-Störung“.2

Edith- Maria Soremba erwähnt im Laufe ihrer Erörterungen auch eine nicht zu unterschätzende Tatsache, dass sich manche Kinder bei Schuleintritt in einem Entwicklungsstadium befinden, in dem die Voraussetzungen für das Erlernen des Lesens und Schreibens noch nicht vollends gegeben sind. Diese Entwicklungsverzögerungen manifestieren sich zum Beispiel in der Problematik unterscheiden zu können, ob der „Henkel“ einer Tasse nach links oder rechts zeigt. Diese Unterscheidungsschwierigkeiten zeigen die Kinder zum Beispiel auch bei den Buchstaben

„b-d“, „p-q“, „ei-ie“ usw.

Unabdingbare Voraussetzungen für Buchstabenerkennungen sind:

  • Rechts-Linksunterscheidungen
  • Oben-Unten-Beziehungen
  • Symbolverständnis (Kreis, Dreieck, Rechteck)
  • Längen und Mengen richtig abschätzen können
  • Detailbetrachtungen genau vornehmen können (was ist an dem Bild/ Buchstaben zu wenig/ zu viel)

1 Edith-Maria Soremba: Legasthenie muss kein Schicksal sein: Verlag Herde, Freiburg im Breisgau 1995, S.36

2 Dipl.-Psych.Dr. Edith Klasen: ”Legasthenie- umschriebene Lese-Rechtschreib-Störung, 1995

Einige SchülerInnen sind bei Schuleintritt noch sprachverzögert, andere zeigen sich schwerfällig in ihren Bewegungen und Handlungen: Das können Hinweise für eine leichte Hirnfunktionsstörung sein, die sich fast in allen Fällen auswächst.

Diese spätentwickelten Kinder benötigen einfach mehr Zeit zum Lernen. Entscheidend für einen erfolgreichen und von unnötigen Frustrationserlebnissen freien Erstunterricht ist die Berücksichtigung der Entwicklungsverzögerung dieser Kinder und ein Anbieten von speziellen und individuellen Hilfen.

Während die beiden vorher erwähnten Autoren Hauptmerkmal auf eine Früherkennung bzw. ein möglichst schnelles Einsetzen von Lernhilfen und Förderung legen, gewährt Dipl.-Psych. Dr. Edith Klasen in ihrem Buch „Legasthenie-umschriebene Lese-Rechtschreibstörung“ einen vielschichtigen Einblick in die Komplexität des Phänomens der Legasthenie. Die Palette, angefangen von der Definition der Legasthenie, der biologischen und auch genetischen Forschungen bezüglich dieser Phänomenologie, über diagnostische Verfahren, erstreckt sich hin bis zu praxisorientierten Ausführungen, die betroffenen Eltern Orientierungshilfen bei der Bewältigung des Problems Dyslexie anbieten bzw. auf eine spezielle Lese- und Rechtschreibschwäche hinweisen können.

Entscheidend über Verlauf einer Legasthenie ist die Einstellung des Umfelds gegenüber dem von Dyslexie betroffenen Kindes und wie schon oft erwähnt, ein rechtzeitiges und effizientes Einsetzen von professioneller Hilfe.

Bei der Diagnose Legasthenie muss jedoch eine klare Abgrenzung gegenüber folgenden Störungen vorgenommen werden:

  • Vorwiegend emotional bzw. motivational bedingte Störungen
  • Intellektuelle Minderbegabungen (Kognitive LRS)
  • Störungen, die durch ein nicht adäquates Lernangebot bedingt sind

Nach jahrzehntelangen Forschungsarbeiten, die sich im Grunde genommen über mehr als ein Jahrhundert mit einem stetigen Wechsel punkto Terminologie und Interpretation dieses Phänomens hinzogen, kann Legasthenie definitiv als eine anlage- oder entwicklungsbedingte Teilleistungsstörung des Gehirns angesehen werden. Diese Teilleistungsstörungen („learning disabilities“) können in folgende Schwierigkeiten kategorisiert werden.

Probleme im Erwerb und im Gebrauch:

  1. der Sprache
  2. des Lesens
  3. des Schreibens
  4. des Denkens bzw.
  5. der mathematischen Fähigkeiten und Fertigkeiten (=Dyskalkulie)

Das Hauptproblem, bei den von Dyslexie betroffenen Kindern ist die Identifizierung, Zuteilung und Umsetzung von Symbolen, daraus resultieren größte Schwierigkeiten beim Erlernen der für unsere Kultur so wichtigen Fähigkeiten, wie die Beherrschung des Lesens, Schreibens und Rechnens.

Es bedarf noch intensiver Aufklärungsarbeit, um eine Akzeptanz in Gesellschaft, Kultur und ein nicht zu unterschätzender Faktor in der Politik zu erreichen. Vor allem die Politik wird in Zukunft die Augen vor der Tatsache, dass circa 15% der Weltbevölkerung bereits unter Legasthenie leidet (in den meisten Fällen ist die verbale Legasthenie betroffen), nicht verschließen können.

Ein an dieser Stelle bemerkenswerter Aspekt sei noch zu erwähnen. Die Weltgesundheitsorganisation hat die Legasthenie als Entwicklungsstörung im Sinne des zehnten Internationalen Klassifikationsschemas (ICD- 10) für psychische Störungen anerkannt.

Die Langzeitfolgen einer nicht qualifiziert behandelten Legasthenie sind statistisch bewiesen. Eine „Schulkarriere“ in Sonderschulen, somit eine minderwertige Ausbildung bei durchschnittlicher und oft sogar überdurchschnittlicher Intelligenz; bei späterer Jobsuche geringe Chancen für eine adäquate Arbeit; das Abrutschen in ein soziales Desaster, bedingt durch Arbeitslosigkeit, ist bereits vorgegeben; ganz abgesehen von der Tatsache, dass Legastheniker im schlimmsten Falle, aufgrund stetiger Misserfolge in Drogen- und Alkoholabhängigkeit und in kriminelle Kreise geraten können.

Ein Umdenken in Gesellschaft und Politik erscheint unumgänglich, eine Neuorientierung bezüglich der Positionierung des Stellenwertes des Phänomens Dyslexie wird „a la longue“ nur durch permanente und konsequente Arbeit von qualifizierten Kräften zu erreichen sein.

Der sichtbare Erfolg bei der Betreuung von Legasthenie betroffener Kinder wird die einzige Waffe sein, mit der die Vorurteile in der Gesellschaft bekämpft und ausgeräumt werden können und was noch wichtiger ist, den von Legasthenie betroffenen Familien die finanzielle Unterstützung und den Beistand zu gewährleisten, der ihnen gerechterweise zusteht.

Denn wie es Ronald D. Davis bereits formulierte, Legasthenie muss aufgrund der kreativen und technischen Fähigkeiten, die sich bei legasthenen Kindern offenbaren, als ein Talentsignal angesehen werden. “The Gift of Dyslexia“, die Andersartigkeit und Verschiebung in der Begabtenskala der von Dyslexie betroffenen Kinder muss in das Bewusstsein aller Gesellschaftsschichten dringen, denn nur so wird es möglich sein, den von Legasthenie betroffenen Kindern die verdiente gesellschaftliche Akzeptanz zu gewährleisten.

Einen wesentlichen Beitrag zur Verwirklichung dieser Vision kann Frau Dr. Astrid Kopp-Duller, Gründerin des Kärntner Landesverbandes Legasthenie, angerechnet werden. Ihre erfolgreichen Forschungsarbeiten in Amerika, Pionierland in Sachen Erforschung des Phänomens Dyslexie ermöglichen es legasthenen Menschen, besonders Kindern die Hürden des Lesens, Schreibens oder Rechnens leichter zu überwinden. Sie hat mit ihren Mitarbeitern sehr erfolgreiche Arbeitsprogramme für legasthene Menschen entwickelt, die in ihrem Buch „Der legasthene Mensch“ und „Legasthenie- nach der AFS- Methode“ ausführlich erläutert werden.

Die von Dr. Astrid Kopp-Duller im Jahre 1995 geprägte Definition:

„Ein legasthener Mensch, bei guter oder durchschnittlicher Intelligenz, nimmt seine Umwelt differenziert anders wahr, seine Aufmerksamkeit lässt, wenn er auf Symbole, wie Buchstaben oder Zahlen trifft, nach, da er sie durch seine differenzierten Teilleistungen anders empfindet als nicht legasthene Menschen, dadurch ergeben sich Schwierigkeiten beim Erlernen des Lesens, Schreibens oder Rechnens“

möge dazu beitragen, dass die noch immer vorherrschenden Vorurteile bezüglich Dyslexie „peu a peu“ aus unserer Gesellschaft verdrängt werden.

 

Wie lange wird die Legasthenie schon erforscht?

„Typische Lese- und Schreibfehler sind z.B. wortentstellende Buchstaben- und Silbenvertauschungen, Hinzufügungen, und Weglassungen. Bezüglich der Ursachen der Legasthenie liegen bis heute noch keine endgültig gesicherten Aussagen vor. Herkömmlich, aber nicht bewiesen ist die Annahme, dass sie durch Hirnschädigungen bzw. hirnorganische Reifeverzögerungen verursacht seien“. 1

Im Zuge der Recherchen bezüglich der historischen Entwicklung sah ich mich mit folgender Interpretation bezüglich Legasthenie konfrontiert. Tief betroffen und entsetzt vernahm ich diese beschreibenden Worte bezüglich Dyslexie.

Diese fatale und für viele Betroffenen schicksalsbedeutende Interpretation dieses Begriffes, beherrscht noch heute das Denken Menschen aller Gesellschaftsschichten. Daraus resultiert, dass unsere leistungsorientierte Gesellschaft aufgrund mangelnder Informationen und inexakten Wissens, legasthene Kinder ungerechterweise ins Abseits stellt, sie ausgrenzt und ihnen einen steinigen, von vielen Misserfolgen geprägten Lebensweg vorgibt.

Eine Frage stellt sich zwingend:

Zu welchem Zeitpunkt wurden die ersten Notizen bzw. Forschungen über Legasthenie registriert und wie wurde dieses Phänomen im Laufe der historischen Entwicklung von Medizinern, Pädagogen und Psychologen interpretiert und dargestellt?

Vorausschickend muss erwähnt werden, dass die Definition dieses Phänomens von Anfang an uneinheitlich gewesen ist und die Terminologie der Legasthenie einem permanenten Wechsel unterworfen gewesen ist.

1 Wörterbuch für Erziehung und Unterricht, Peter Köck, Hanns Ott, Auer Verlag 1976, Seite 232

[Diese Definition von „angeborener Wortblindheit“ (=Defizite im Lernzentrum) wurde wie bereits erwähnt von Kerr und Morgan im Jahre 1886 geprägt].

Noch heute findet man den Begriff der kongenitalen Wortblindheit in der Medizin vor.

(In Dänemark findet der Begriff “Wortblindheit“ noch bis heute Anwendung).

Der Psychiater Ranschburg prägte den Begriff „Leseschwäche“ [gelegentlich von ihm Legasthenie genannt, somit leitete Ranschburg diesen Terminus vom Lateinischen (legere- lesen) ab. Laut Dipl.- Psych. Dr. Edith Klasen1 setzt sich der Begriff Legasthenie allerdings aus je zwei griechischen Wörtern zusammen (legein- sprechen und aus astheneia- Schwäche].

Er bemühte sich 1928 als einer der ersten, dem Phänomen der „Lese- und Schreibstörungen des Kindesalters“ eine umfassende Arbeit zu widmen. Im Zuge seiner Forschungen kam Ranschburg allerdings zur Erkenntnis, dass diese „Störung“ auf einen Mangel an Intelligenz für höhere geistige Leistungen, wie Lesen und Schreiben seiner Meinung nach darstellen, zurückzuführen sei.

Man sprach von partieller Idiotie oder partiellem Intelligenzdefekt. Eine falsche Diagnose, die jahrzehntelang bis zum heutigen Zeitpunkt, nachhaltige Auswirkungen für betroffene Schüler zur Folge hatte und noch haben kann. Ein Schicksal in Sonderschulen war besiegelt, obwohl diese Schüler aufgrund ihrer Fähigkeiten und ihrer durchschnittlichen, sehr oft auch überdurchschnittlichen Intelligenz in einem anderen Schultyp besser aufgehoben gewesen wären.

In den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts einigte man sich bezüglich der Terminologie auf die Bezeichnung Dyslexie (Störung des Lesens und Schreibens), Dyskalkulie (Störung des Rechnens) und Dysphasie (Störung der Sprachfähigkeit).

(Im Jahre 1962 wählte Kirk den Oberbegriff „Learning Disabilities“).

Bedingt durch die Isolation und die historischen Gegebenheiten zwischen 1930 und 1945 wurden andere Forschungsergebnisse in Deutschland bzw. Österreich nicht bekannt.